Elmar L. Kuhn

Die schwäbische Provinz des Paulinerordens ...


Die Mönche

Vor den josephinischen Aufhebungen zählte die Provinz im 18. Jh. im Durchschnitt 40 Angehörige, davon etwa 30 Patres, einige Novizen, einige Studenten und etwa zwei Laienbrüder. Insgesamt konnte ich Daten von 274 Religiosen in den sechs bis ins 17. oder fünf bis ins 18. Jh. überlebenden Klöstern der Provinz ermitteln. Davon betreffen 46 das 16. Jh., 70 das 17. Jh., 146 das 18. Jh. bis 1786 und 12 die Professen von 1786 bis 1806. Wenn man die 28 bekannten Professen dieser Klöster im Spätmittelalter und die 42 in den bis ins 16. Jh. aufgelösten Klöstern dazurechnet, sind derzeit insgesamt 344 Pauliner in Schwaben faßbar. Mehr als 400 Angehörige hat der Orden wohl während seines ganzen Bestehens in Südwestdeutschland nicht gezählt.

Konjunkturen der Ordenseintritte zeichnen sich erst ab 1720 ab, als die Datendichte zunimmt. In den 1720er Jahren zählte die Provinz 36 Angehörige, in den 30er Jahren überstieg die Zahl der Professen dann deutlich die Sterbefälle (17/11), wodurch die Mitgliederzahl auf 46 anstieg. Trotz eines in etwa wieder ausgeglichenen Verhältnisses von Eintritten und Todesfällen in der Folge wurde 1760 das Maximum von 50 Angehörigen erreicht. In den 70er Jahren stieg die Zahl der Professen wieder, die Gesamtzahl erreichte aber den Höchststand nicht mehr, da ab 1780 bis zur Aufhebung der beiden größeren Klöster keine Novizen mehr aufgenommen wurden, in dieser Zeit aber vierzehn Mönche starben. Nach 1786 stabilisierte sich durch Neuaufnahmen die Zahl der Konventualen in den verbliebenen drei Klöstern bei ca. fünfzehn300.

Leider hat sich nur eine 1754 angelegte und bis 1777 lückenhaft fortgesetzte Profeßliste der Provinz erhalten301. Die aus den Akten und Archiven erhobenen Daten fallen zu den einzelnen Personen sehr unterschiedlich aus und verdichten sich erst im 18. Jh. Die folgenden Aussagen stützen sich auf die Auswertung der Personenkartei und beschränken sich auf die im 17. und 18. Jh. noch bestehenden Klöster302.

Die vortridentinischen Konstitutionen schrieben ein Mindestalter von 15, die nachtridentinischen von 18 Jahren bei der Aufnahme als Novize vor303. Nach einem Jahr konnte in der Regel die Profess abgelegt werden304. Für das 16. und 17. Jh. liegen nur jeweils drei Angaben zum Professalter vor, das Durchschnittsalter stieg von 19 auf 21 Jahre an. Im 16. Jh. trat mindestens ein junger Mann bereits im Mindestalter von 15 Jahren ins Kloster ein. Für das 18. Jh. sind immerhin ca. 90 Daten bekannt, danach betrug das durchschnittliche Professalter 22 Jahre. Fünf Novizen legten die Profess bereits mit 17 Jahren ab, also zwei Jahre früher als eigentlich erlaubt, am dichtesten belegt ist mit zwanzig Novizen die Altersklasse von 20 Jahren, der älteste Novize zählte 32 Jahre. Nach den josephinischen Klosteraufhebungen nahm die Restprovinz deutlich jüngere Novizen auf, das Durchschnittsalter bei der Profess lag nun bei wenig mehr als 19 Jahren.

Laienbrüder sollten nach der tridentinischen Konstitution ein Mindestalter von 21 Jahren beim Klostereintritt aufweisen. Das Durchschnittsalter dieser Professen lag deshalb auch in der schwäbischen Provinz deutlich höher als das der zukünftigen Priestermönche. Aber Konversen gab es unter den schwäbischen Paulinern stets nur wenige. Im 17. Jh. sind nur zwei Namen dokumentiert. Im 18. Jh. gehörten jeweils ein bis drei Laienbrüder zur Provinz, die in der Güterverwaltung oder in der Hauswirtschaft der größeren Konvente eingesetzt wurden und auch nicht so oft versetzt wurden wie die Priestermönche.

Ein gemeinsames Noviziat der Provinz wurde wohl erst um die Wende zum 18. Jh. eingerichtet305. Für das 17. Jh. sind leider nur zwei Professorte bekannt, in beiden Fällen Lepoglava in Kroatien. 1721 bis 1768 wurde immer Rohrhalden als Professort vermerkt (58 Fälle), 1771 bis 1778 wurde die Profess in der Regel in Langnau abgelegt (15), 1787 bis 1795 in Bonndorf (11).

Die Herkunftsorte der Professen, soweit sie bekannt sind, streuten im 16. (sechs) und 17. Jh. (achtzehn) aufgrund der dezentralen Noviziate breiter als im 18. Jh.306. Im 18. Jh. stellte die vorderösterreichische Amtsstadt Rottenburg in der Nähe des Noviziatsklosters Rohrhalden mit 20 Professen den größten Anteil am Ordensnachwuchs. Nach Herrschaftsgebieten kamen 36 Ordensangehörige aus vorderösterreichischen Territorien (davon zwanzig aus Rottenburg, drei aus Freiburg), aus Reichsstädten vierzehn (davon aus Rottweil sieben, aus Wangen drei), aus fürstenbergischen Herrschaften um Grünwald und Tannheim zehn, aus dem heutigen Bayern neun (davon fünf aus Mindelheim), aus dem Gebiet der Grafen von Montfort um Langnau und der Fürstabtei St. Blasien um Bonndorf je sechs, aus den Herrschaften oberschwäbischer Prälatenklöster nur vier. Jeweils über 40 % der Pauliner wurden in Dörfern und in Landstädten (davon 17 % in Rottenburg) geboren, 11 % in Reichsstädten. Soweit Indizien dafür vorliegen, gehörten ihre Eltern zur dörflichen Oberschicht oder zur oberen Mittelschicht in den Städten, nur ein Novize entstammte dem Patriziat der Reichsstadt Wangen und einer war ein unehelicher Sohn einer Gräfin von Waldburg-Wolfegg..

Eine soziale Schranke errichtete schon die Pflicht, „bona“ ins Kloster einzubringen. Die Konstitutionen des 16. Jh. rechneten neben Geld mit Kleidern, Pferden, Wein und Korn307. Vom Einbringen war der Professe zunächst einzukleiden, vom übrigen Betrag oder Erlös waren vom Professkloster 10 % an den Provinzial abzuführen. Die tridentinischen Konstitutionen308 schrieben ebenfalls vor, dass das Beibringen der Novizen dem Professkloster zufiel. In der schwäbischen Provinz scheint das Beibringen aber im 18. Jh. in der Regel vom Provinzial vereinnahmt worden zu sein.

1601 hatte der Langnauer Prior Rechenschaft über das Einbringen der Professen während seiner Amtszeit abzulegen. Von den 13 aufgeführten Religiosen nahm der Prior durchschnittlich 80, meist 50 bis 60 fl. ein. Der geringste Betrag war 40 fl., am meisten bezahlte der spätere Prior, Provinzial und General Rudolph Bihel mit 300 fl.309. 300 fl. war damals immerhin das Jahresgehalt des Spitzenbeamten eines kleineren schwäbischen Territoriums310. 1614 teilte Rudolph Bihel als Provinzial mit, dass der Orden niemanden zur Profeß zulasse, der nicht wenigstens sein Bett mitbringe oder statt dessen 40 bis 50 fl.311. Bei der Aufhebung des Klosters Langnau 1786 rechnete der Bruder Johann Chrysostomus (von) Mohr, Patriziersohn aus Wangen, der 1778 die Profeß abgelegt, aber wegen Krankheit die Priesterweihe noch nicht empfangen hatte, vor, was ihn sein Klostereintritt bisher gekostet hatte312: 100 fl. Kostgeld für das erste Jahr, 150 fl. bei der Einkleidung, 80 fl. an „Douceurs“ und Trinkgelder bei der Profess, 100 fl. Erbanteil nach dem Tod seiner Mutter, 180 fl. für Kleidung, 140 fl. für Mobiliar, insgesamt rund 1.000 fl., das war nun das Jahresgehalt eines besser besoldeten Pfarrers. Der Laienbruder Joseph Pflaum brachte 1767 „das von meinen Eltern anererbte ... in 700 fl. bestandene Vermögen“ wohl noch in ein ungarisches Kloster ein, von wo er nach Schwaben wechselte313. Den größten Betrag mit 11.800 fl. bezahlte 1707 Paulus Mühlbach, der als unehelicher Sohn einer Gräfin von Waldburg-Wolfegg offenbar in den Orden eingekauft wurde. Er disponierte genau über die Verteilung der Summe auf die einzelnen Klöster, wovon Bonndorf mit 10.000 fl. wohl für die anstehende Klostererweiterung den Löwenanteil erhielt314.

Die Konstitutionen von 1644 sahen vor, dass die Novizen bei der Profess einen neuen Vornamen annahmen. Das war vorher bei den schwäbischen Paulinern nicht üblich gewesen. Deshalb ergaben sich für die Zeit bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts und die Zeit danach ganz unterschiedliche Häufigkeitsverteilungen:

Namenshäufigkeiten

Vor 1650

Nach 1650

Anz. Namensträger

Johannes


26


Dominikus, Michael

7

Jakob

Joseph, Paulus

6

Andreas, Nikolaus

Antonius, Benedikt, Bruno, Franziskus,

5

Georg, Martin, Michael

Aloysius, Andreas, Augustinus, Eusebius, Franz Xaver, Hieronymus, Johann Baptist, Martin, Norbert

4

Im ersten Zeitabschnitt trugen die Pauliner die in der Region verbreiteten und beliebten Heiligennamen, ein Drittel allein hieß Johannes oder Hans. Erstmals in der 1620er Jahren tauchten spezifische Klosternamen wie Basilius und Eusebius auf, sie blieben aber noch ganz vereinzelt. Nach 1650 wählten fast ein Drittel aller Religiosen Namen aus der eigenen Ordenstradition, allein 22 % der Ordenspatrone Paulus, Antonius, Hieronymus, Athanasius, Augustinus, Eusebius, Thomas von Aquin und der Erzengel Gabriel und Michael, dazu 6 % aus der regionalen Überlieferung mit Arnold, Kuno, Donatus, Valentin und Johann Nepomuk und 3 % von osteuropäischen Heiligen wie Emerich, Kasimir, Ladislaus und Stephan. Bei den übrigen Professen waren vor allem Namen von Heiligen anderer Orden und der Kirchenväter beliebt.

Die ersten Weihen sollten frühestens drei Jahre nach der Profess empfangen werden315. In der schwäbischen Provinz lagen zwischen Profess und Primiz immer ein Zeitraum von etwas mehr als vier Jahren316. Die Priesterweihe empfingen die hiesigen Pauliner im 18. Jh. meist in einem Alter von 26 Jahren, wozu sie sich in der Regel nach Konstanz zu begeben hatten. Ihre Primiz feierten im 18. Jh. knapp die Hälfte an ihrem Studienort in Langnau, 17 % in Bonndorf und ebenso immerhin 17 % in einem Kloster der östlichen Provinzen, was auf dortige Studienaufenthalte schließen läßt, der Rest in verschiedenen Heimatorten.

Über Motive des Ordenseintritts reden die Quellen erst in den kritischen Zeiten Ende des 18. Jh. zu uns und leider auch nur dann, wenn einzelne Ordensangehörige sich unzufrieden äußerten. So suchte Michael Huber 1775 eigentlich nur ein Nachtquartier im Kloster Langnau. Aber „aus Spaß wurde Ernst. Ich hielt an“ und er wurde vornehmlich wegen seiner musikalischen Fähigkeiten als Novize aufgenommen317. Um 1790 wollten mehrere Patres aus dem Orden austreten, da sie „den gustum ad hunc ordinem niemals erhalten oder genossen“ hätten und nur auf moralischen Druck des Vaters in den Orden eingetreten seien318.

Uns steht kein Urteil über die persönliche Frömmigkeit der schwäbischen Patres zu, inwieweit sie ihrer Augustinus-Regel entsprachen, es „soll auch im Herzen lebendig sein, was mit dem Munde ausgesprochen wird“319. Es können nur einige Indikatoren äußeren Verhaltens benannt werden. Die oberste Aufgabe des Mönchs als Mitglied einer klösterlichen Gemeinschaft, das „divinum officium“ wurde schon oben behandelt. In der Profess gelobte der Novize nach der vortridentischen Formel dem Generalprior Armut, Gehorsam, „stabilitas“ und „conversio morum“, wie bei den Benediktinern. War nur der Konventsprior anwesend, blieb es bei den Gelübden von Gehorsam, Armut und Keuschheit320. Nach der Formel von 1644 gelobte der Novize die Einhaltung der drei evangelischen Räte, „oboedientiam ..., vivere sine proprio & in castitate“321. Nach 1786 beriefen sich die jungen Mönche darauf, sie hätten ihre Profeß auf die Provinz abgelegt, gebe es keine „mutationes“ mehr, betrachteten sie ihre Profeß als hinfällig322.

Damals wie heute schweigen die Quellen über „Normalität“, berichten vor allem über die Abweichungen. Negatives Verhalten ist meist gut, positives schlecht dokumentiert. Daß vor und um 1600 besonders viele Missstände aktenkundig geworden sind, läßt aber bereits erkennen, daß der Tiefstand überwunden wurde, die Abweichungen von der Regel als Fehlverhalten sanktioniert wurden. Damals dürften wohl alle Prioren gegen alle ihre Gelübde verstoßen haben. Vier Prioren von Rohrhalden nacheinander, zwei Prioren von Tannheim, den Prioren von Langnau und Bonndorf wurden Misswirtschaft, Konkubinat und sonstige Exzesse vorgeworfen. Mehrere wurden abgesetzt oder zum Rücktritt gedrängt323. Verstöße gegen das Armutsgebot sind danach kaum mehr bekannt geworden, nur 1721 mahnte der Generalvisitator, die Patres dürften ohne Erlaubnis des Priors kein Geld besitzen, silberne Tabakdosen seien dem Provinzial und den Prioren vorbehalten324. Sog. „deposita“, Guthaben, die vom Prior verwaltet und über die sie zu privaten Zwecken verfügen konnten, besaßen etliche Patres. Für ihre Unterwäsche hatten die Konventualen selbst aus dem Depositum oder mit Hilfe ihrer Verwandten aufzukommen. Um 1800 konnte der P. Kuno Scheidenmüller durch private Getreideverkäufe an das Militär und Spielgewinn sein Depositum vergrößern325.

Das Keuschheitsgebot wurde im 16. Jh. von den Prioren wenig beachtet. 1584 hatte der Provinzial und Langnauer Prior Hieronymus Leuthold dem Grafen Heinrich von Fürstenberg geschrieben, dass man die tridentinischen Dekrete nicht befolgen könne, da die „Priester auf dem Land ... nicht wie die Jesuiten ... beschaffen (seien), dass man sie zur Verhütung größeren Ärgernisses, Hurerei und anderen zu besorgenden neuen, noch größeren Sünden und Unrats nicht ohne Mägden hausen lassen kann326. Als es Leuthold 1601 gelang, bei seiner Resignation gegen das Armutsgebot eine eigene Behausung und ein festes Deputat auszuhandeln, wollte er seine Konkubine auf keinen Fall verlassen. Lieber hänge er die Kutte an den Nagel und bettle327.

Im 18. Jh. erschraken die Visitatoren, als sie feststellten, dass in schwäbischen Klöstern keine Klausur bestehe, die Patres in ihren Zimmern auch Frauen die Beichte abnahmen, Frauen für die Patres kochten und ihnen die Zimmer besorgten328. Trotz aller Verbote und Anordnungen von konkreten Baumaßnahmen wurde die Klausur in den größeren Klöstern nur zeitweise beachtet, in den kleineren Konventen ließ sie sich nie realisieren. „Excessus carnis“329 scheinen dennoch selten vorgekommen zu sein. Ende des 18. Jh. sorgte allerdings P. Kuno Scheidenmüller nicht nur durch die Inhalte seiner Predigten, sondern auch durch die merkwürdigen Orte und Zeiten seiner Unterweisungen für einen Skandal. Er „umgab sich unablässlich mit den Weibsbildern ..., welchen er ... in den Beichtstühlen und umliegenden geheimen Örtern ... ganze Stunden, ja tagweise ... geistlichen Unterricht erteilet“330. Obwohl ihm der bischöfliche Visitator jeden Umgang mit Frauen untersagte, setzte er seine in- und extensiven Kontakte fort, worauf ihn 1793 der bischöfliche geistliche Rat „ad perpetuas carceres“ verurteilte331. 1796 wieder freigekommen, empfing er im Kloster Tannheim wieder morgens um 4 Uhr Frauen in der Kirche332.

Am schwersten fiel den schwäbischen Paulinern, das Gehorsamsgelübde einzuhalten. Immer wieder klagte die Ordensleitung, dass die Provinz ihre Anordnungen nicht befolge oder einfach ignoriere. Gegen den Provinzial meuterten Prioren im späten 16. Jh., 1760 und 1781. Die Prioren hatten immer wieder „non paucas controversias ac lites gravissimas“ zu schlichten333. Die disziplinarischen Probleme suchte man in der Regel durch die „mutationes“, die Versetzungen in einen anderen Konvent zu lösen. Mancher Mönch fühlte sich da „herumgeschoben“, aber mancher tat eben „nirgends gut“334. Einzelne Konventualen entzogen sich der klösterlichen Disziplin im 17. und 18. Jh. vorübergehend durch die Flucht, so 1778 mitsamt den „deposita“ selbst der Rohrhaldener Prior Felizian Mezger“, 1783-1787 der letzte Langnauer Prior335.

Die Pauliner trugen ein weißes Ordensgewand. „Ihr Kleid ist samt dem Skapulier von weißwollenem Tuch nebst einem dergleichen Hemd, sie tragen auch eine Kapuze mit dem Kragen vereinbaret, so die Schultern bedecket. Auf der Gassen in der Stadt pflegen sie einen Hut und langen schwarzen Mantel zu haben“336. Am Stoff der schwäbischen Patres nahm die Ordensleitung seit 1651 Anstoß. Der Streit, was genau unter „pannus albus vilis“337 zu verstehen sei, zog sich bis weit ins 18. Jh. hinein. „pannus“ war den Schwaben zu teuer, sie wollten einen leichteren Stoff tragen338. Auch legten die hiesigen Pauliner im 18. Jh. die Kapuzen ab und Krägen an, wobei sie auf das Beispiel anderer Orden in Schwaben verwiesen339. Glichen sie sich dadurch an den Säkularklerus an, so hatten sie schon vorher eine Erinnerung an die eremitischen Ursprünge aufgegeben, die Bärte „more eremitarum“340. Um 1700 hatten sich die österreichischen Patres die Bärte abrasieren lassen und 1710 beschloss das schwäbische Definitorium, „die Bärte abzutun und gleichförmig den Österreichern Confratern zu haben“341.

Bis ins 17. Jh. nannten sich die Pauliner unterschiedslos fratres = Brüder. Ab Ende des 17. Jh. bezeichneten sich die Priestermönche als Patres342. Brüder waren jetzt nur noch die Novizen, die Laienbrüder und Professen vor der Priesterweihe, die durch die nachgesetzten Bezeichnungen „conversus“ und „clericus“ oder „studens“ unterschieden wurden. Bei den Patres wurden in der Anrede folgende Rangstufen unterschieden: „Venerabilis Pater“ (V.P.), der einfache Pater ohne Amt, der „Reverendus Pater“ (R.P.), der Pater, der ein Amt innehatte oder innegehabt hatte, der „Admodum Reverendus Pater“ (A.R.P.), der amtierende oder gewesene Provinzial und Vizeprovinzial, und schließlich der „Reverendissimus, religiosissimus ac clarissimus in Christo Pater Generalis, Pater gratiosissime observandissime“343.

In einer so kleinen Provinz mit relativ kleinen Klöstern bestanden gute „Karrierechancen“ für die Mönche. Sicherlich sind aus den früheren Jahrhunderten nicht alle Namen einfacher Konventualen erfaßt, während im 18. Jh. mit weitgehender Vollständigkeit zu rechnen ist. Aber es liegt nicht nur am Datenmaterial, sondern auch an den geringen Konventsgrößen, dass von den erfassten Mönchen im 16. Jh. drei Viertel das Amt eines Priors erreichten, im 17. Jh. waren es noch etwas mehr als die Hälfte und im 18. Jh. hatte noch ein Viertel diese Chance. In die Leitung der Provinz, in die Ämter des Provinzials oder Vizeprovinzials gewählt zu werden, hatten jeweils zwischen 10 und 20 % Aussichten. Das Durchschnittsalter der Prioren betrug bei ihrem ersten Amtsantritt im 18. Jh. 40 Jahre, der (Vize )Provinziale 47 Jahre.

Mit wissenschaftlichen Leistungen ist kein Pater der Provinz hervorgetreten. Franz Orosz konnte in seinem Kapitel über „ordinis nostri authores, viri prudentia sapientia insignes“ keinen schwäbischen Autor benennen344. Martin Streska hob Franz Wizigmann (mehrfacher Provinzial und Langnauer Prior, gestorben 1748) als „eleganti literatura perpolitus“345 hervor. Der Langnauer Bibliothekskatalog verzeichnete von ihm eine „universa philosophia manuscripta“ um 1718, die sich leider nicht erhalten hat346. Er verfasste auch das gedruckte Gebetbuch der Schutzengel- und Paulusbruderschaft von 1736347. Die im Hausstudium erworbenen theologischen Kenntnisse scheinen nicht besonders gründlich gewesen zu sein348. 1784 erfüllte aus der Sicht des bischöflichen Ordinariats in Konstanz keiner der Rohrhaldener Konventualen die Voraussetzungen für die Zulassung zur Seelsorge349. Soweit sie sich überhaupt um Seelsorgestellen bewarben, erhielten alle schwäbischen Pauliner nach der Säkularisation nur Stellen von Hilfsgeistlichen oder die von ihnen schon bisher betreuten Pfarreien in Hiltensweiler, Kiebingen, Tannheim und Bonndorf. Über die Ebene der Pfarrei hinaus in das Amt des Dekans des Landkapitels Stühlingen stieg nur der vormalige Bonndorfer P. Franz Xaver Mayer auf. Musikalische Fähigkeiten wurden mehreren Patres Ende des 18. Jh. zugeschrieben. Als Komponist regionalen Ranges wurde Franz Weigel wiederentdeckt, der allerdings erst nach seinem Übertritt in das Benediktinerkloster St. Peter zu Ansehen gelangte350.

Das durchschnittliche Lebensalter, das ein schwäbischer Pauliner erreichte, lag mit 53 Jahren aus unserer Sicht relativ niedrig, entsprach aber dem Bevölkerungsdurchschnitt, wenn man die Kindersterblichkeit unberücksichtigt lässt351. Nur 11 von 87 Professen, deren Geburts- und Todesdaten feststellbar sind, lebten länger als 70 Jahre. Der älteste Pauliner wurde mit 80 Jahren Rudolph Krempel (1652-1732), mehrfacher Prior in Rohrhalden352.

Über diese dürren Lebensdaten hinaus werden nur wenige der schwäbischen Pauliner als individuelle Persönlichkeiten, als Menschen, fassbar. Auch die Würdigungen in den Ordensgeschichten reihen meist nur Topoi aneinander353. Den lebendigsten Eindruck vermitteln kurz vor Ende der Provinz die bischöflichen Visitationsprotokolle von 1789 und 1802 mit den Aussagen sämtlicher Mönche.

Copyright 2022 Elmar L. Kuhn