Schwierige Verbindung schwäb. Provinz - Ordensleitung


 

Integration durch Formation

Die Formation, d. h. die Internalisierung der Ordensziele und –gebräuche, erfolgt in Noviziat und Studium. Die Frage ist, inwieweit dieser für den Mönch wichtige normative Formationsprozess nur innerhalb der Provinz oder auch im Austausch mit anderen Provinzen erfolgt, so dass ein gemeinsam erlebter und nicht nur intellektuell vermittelter ‚esprit de corps’ entstehen kann.

„Das Noviziat als die zentrale Sozialisationsinstanz einer jeden religiösen Gemeinschaft dient der Vermittlung sowohl des jeweils relevanten kollektiven Wissens um die Gemeinschaft als auch ihrer Geschichte und ihres Selbstverständnisses; hier werden bestimmte Formen des alltäglichen Lebensvollzugs sowie religiöse und spirituelle Praktiken, die charakteristisch für die betreffende Gemeinschaft sind, eingeübt.“48 Ein Bewerber musste mindestens 18 Jahre alt sein, um in das Noviziat aufgenommen zu werden. Nach einem Jahr konnte die Profess abgelegt werden, mit der Gehorsam, Armut und Keuschheit gelobt wurden. Das Durchschnittsalter der schwäbischen Pauliner bei der Profess betrug 22 Jahre. Bis Ende des 17. Jahrhunderts legten die schwäbischen Novizen die Profess in ihrem jeweiligen Aufnahmekloster ab. Nur von einem einzigen Novizen ist ein Professkloster außerhalb der Provinz bekannt, Wiener Neustadt um 1640. Im 18. Jahrhundert befand sich das Noviziat bis 1768 in Rohrhalden, danach in Langnau, ab 1787 in Bonndorf. Nun war für alle schwäbischen Pauliner das gemeinsame Noviziat der Provinz Ort ihrer Profess. Im Noviziat konnten die späteren Mönche also nur die Gebräuche der eigenen Provinz kennen lernen.

Angesichts des nur einjährigen Noviziats muss das Studium als eher wichtigere Sozialisationsinstanz betrachtet werden.49 Die Konstitutionen von 1643 schrieben ein insges. achtjähriges Studium vor, wovon drei Jahre für die Philosophie, ebenso viele für die Dogmatik, ein Jahr für die Heilige Schrift und Moraltheologie und ein Jahr für die Kontroverstheologie vorgesehen waren. Nach den Konstitutionen von 1725 wurde der theologische Kurs auf Kosten des philosophischen Studium um ein Jahr verlängert. Obwohl Papst Clemens X. bereits 1671 für die einzelnen Provinzen die Studienhäuser festgelegt hatte, in Suevia Langnoviense, wurde das Studium dort wohl erst 1718 aufgrund einer Anordnung des Generalpriors bei der Generalvisitation aufgenommen.50

Jetzt erst lässt sich ein geregelter Ausbildungsgang in der schwäbischen Provinz erkennen, als 1718 Rohrhalden zum Noviziatskloster und Langnau zum Studienort erklärt wurden. Vorher klagte die Provinz: Nota est provinciae paupertas, quod suos fratres in alienis academiis ad altiora studia persolvenda alere non vealeat.51 Ab 1669 bis letztmals 1724 trug deshalb die Provinz regelmäßig beim Generalkapital die Bitte vor, einem oder mehreren ihrer Professen Teilhabe an den von den Päpsten finanzierten neun Stipendien für die ungarische Provinz an den Universitäten Olmütz, Prag, Rom und Wien zu ermöglichen oder Studienplätze an den Paulinerhochschulen Lepoglava (Kroatien) und Tyrnau (Tmava) einzuräumen. Das wurde in Einzelfällen bis 1718 auch immer wieder gewährt, jedoch 1718 wegen des nun eingerichteten eigenen Studiums der Provinz in Langnau abgelehnt. Aber auch danach 1728 bis 1748 feierten noch sechs schwäbische Pauliner in Maria Tal, Lepoglava, Remete und Tyrnau ihre Primiz, haben also dort studiert, einer starb 1728 beim Studium in Prag und einer wurde als socius des Generalprokurators 1733-1737 nach Rom zum Studium entsandt. Das gemeinsame Studium mit Mitbrüdern anderer Provinzen und der Aufenthalt in Zentren des Ordens förderten sicherlich die Internalisierung gemeinsamer Normen und Verhaltensrituale.

Wohl einige mehr der schwäbischen Pauliner hatten zumindest zeitweise Studien an südwestdeutschen Universitäten und in den Hausstudien anderer Orden absolviert. So studierten allein sieben Angehörige der schwäbischen Provinz an der Jesuitenuniversität Dillingen Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts, später werden nur noch dreimal die Universitäten Freiburg und je einmal Dillingen und Salzburg genannt. Vereinzelt hatten spätere Pauliner ein Studium bei den Benediktinern von Rheinau, St. Blasien und Weingarten, bei den Prämonstratensern in Schussenried und Weissenau oder in einem Augsburger Kloster vorzuweisen.52

Die Mehrzahl ihrer Mitbrüder mußte sich mit dem Wissen bescheiden, das ihnen ihre vom Provinzkapitel gewählten ‚Professoren’ im Langnauer Hausstudium vermittelten. So standen nur wenige der schwäbischen Pauliner während ihrer Ausbildung im Austausch mit ihren Mitbrüdern anderer Provinzen. Der Nachwuchs der schwäbischen Provinz wurde mindestens so stark durch die Einflüsse des regionalen kirchlichen und kulturellen Umfeldes geprägt wie durch die eigene Ordenstradition.

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